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Allgäu: Bücher :Kommissar Kluftinger - Grimmbart


Die Tradition der Krimi-Reihe um den etwas tollpatschig agierenden Kriminalhauptkommissar A. I. Kluftinger fortsetzend, ist es den beiden unverbraucht wirkenden Autoren gelungen, auch im achten Fall den Leser von der ersten Seite an in ihren märchenhaften Bann zu ziehen.

Der Fall GRIMMBART, ein Mord in einem düsteren Schloss in Bad Grönenbach, konfrontiert Kluftinger dieses Mal mit allerlei Ungereimtheiten und Merkwürdigem. Ihn selbst, Kluftinger, erwarten auf den 480 Seiten, neben den vielen Rätseln um die Ermordung der Frau des Barons, auch noch allerlei Turbulenzen im privaten Umfeld. Nur soviel sei verraten: sein Sohn Markus heiratet und dessen Schwiegereltern in spe kündigen ihren Besuch an, aus dem Reich der Mitte, aus Japan. Wer "Klufti" schon kennt, der ahnt bereits, dass dieser im Alltag oft sehr unbeholfen agierende Kommissar mit derlei Situationen schnell überfordert ist. Wer "Klufti" noch nicht kennt, der darf sich auf jede Menge schwarzen Humor, irre Wendungen und eine an Komplexität kaum zu übertreffende Handlung freuen. Der auf Kluftinger als Kriminalhauptkommissar treffende Leser mag anfangs zwar glauben, den Fall für sich bereits gelöst zu haben, doch da irrt er. Immer wieder neue Wendungen und Erkenntnisse führen zu immer wieder neuen Verdächtigen. Bis man als Leser irgendwann selbst glaubt, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen zu können.  

Nur gut dass Kluftinger für solch schwierigen Fälle noch seine Frau Erika, seinen Filius Markus, dessen Freundin Yumiko, den Erkennungsdienstler Willi Renn, die Sekretärin Sandy Henske und seine Kollegen Strobl, Maier und Häfele an seiner Seite weiß. Und außerdem ungewollt seinen persönlichen Intimfeind, den Arzt Dr. Martin Langhammer, ausgerechnet auch noch im selben Ort wohnend. Aber lesen sie selbst! Dieses Buch wird sie in seinen ganz eigenen Bann ziehen, davon träumen werden sie jedoch nicht. Denn wie kann man auch von etwas träumen, das einen nicht schlafen lässt?
Neben der jüngst erschienenen gebundenen Buchausgabe ist der achte Fall des Kriminalhauptkommissars Kluftinger selbstverständlich auch als Audio CD erhältlich und als Kindle Edition oder als Hörbuch Download abrufbar.

 

Nachstehend eine Leseprobe aus dem jüngsten Werk:

„Es war einmal, kapierst du das endlich?“ Er sieht sie wütend an, doch sie lächelt. „Nichts ist mehr, wie es war. Hör auf zu grinsen. Es gibt nichts zu grinsen. Wir sind allein.“

Noch immer das Lächeln.

„Herrgott, sie haben uns weggeschickt.“

Er schüttelt sie. Jetzt bröckelt ihr Lächeln, und er ist zufrieden. Gleichzeitig tut sie ihm leid. Er nimmt sie in den Arm. „Es wird schon. Wir haben ja uns.“

„Uns“, wiederholt sie.

Zart und zerbrechlich steht sie da. Jetzt droht die Verzweiflung ihn zu übermannen. Doch Verzweiflung kann er sich nicht leisten. Er muss stark sein. Für sich. Und für sie.

„Geht es wieder?“

Sie nickt.

Er geht ein paar Schritte. Sein junger Körper ist ausgezehrt, nur noch Haut und Knochen.

„Meinst du, der Katze geht es gut?“

Statt Verzweiflung nun wieder Wut. Wie kann sie in dieser Situation an die Katze denken?

„Los jetzt.“ Er steht auf, schaufelt Erde mit dem Fuß in die Glut des erloschenen Feuers. „Wir müssen weiter.“

„Aber es ist Nacht.“

Er sieht sich um. Der Mond scheint silbern durch die Baumwipfel. „Wir müssen. Sonst erfrieren wir.“

Sie ergreift seine Hand. Er zieht sie fort.

Nach einer Weile fragt sie: „Kennst du den Weg?“

„Ja.“

Er lügt, und sie weiß es. Aber es beruhigt sie. Nichts wäre schlimmer als die Wahrheit.

Sie stolpert hinter ihm her. Er geht zu schnell. Doch sie beklagt sich nicht. Er hat immer einen Ausweg gefunden. So wird es auch diesmal sein.

Ein Klopfen über ihnen lässt sie aufhorchen.

„Was war das?“ In ihrer Stimme liegen Angst und Hoffnung zugleich.

Er hebt den Kopf: „Nur der Wind.“ Seine Hand deutet auf einen Ast, der gegen einen Baumstamm schlägt. Immer wieder.

Ihre Kräfte schwinden, das merkt er. Wenn nicht bald etwas passiert, wird es schlimm enden.

„Da.“

Er hat es auch gesehen. Eine Hütte. Er streicht sich durch seine dichten Haare. Eine Hütte.

Seltsame, süße Verheißung.

Auf Wärme.

Auf Essen.

Ein Zuhause.

Er geht voraus. Sucht Deckung hinter einem Baumstamm, späht in die Nacht.

Sein Entschluss steht fest. Er dreht sich um.

Und schreit.

Sie brennt.

Lichterloh.

Dann erwacht er aus seinem Traum.

***

„Nein, nein, neinneinneinneinneinnein!“

Kluftinger führte einen regelrechten Veitstanz vor seiner Frau auf. Die stand davon ungerührt vor ihm im Hausgang und flötete in den Telefonhörer: „Aber natürlich ist er da, Martin, wart mal, ich geb ihn dir.“

Kluftinger verdrehte die Augen, formte mit den Lippen ein ironisches Danke, und streckte mit grimmigem Blick den Arm aus. Ausgerechnet in seinem wohlverdienten Feierabend musste ihn der neunmalkluge Doktor behelligen. Erika flüsterte ein zuckersüßes „Bittschön, Butzele“ zurück und verschwand im Wohnzimmer.

„Herr Langhammer …“, fragte er brummend in den Hörer und machte sich auf den üblichen Wortschwall des Gemeindearztes gefasst. Doch es blieb erstaunlich lange still am anderen Ende der Leitung. „Herr Langhammer?“ Kluftinger wunderte sich, dass der Arzt noch immer nicht mit einer seiner gefürchteten Geschichten begonnen hatte: über einen neuen Rekord auf dem Golfplatz, oder, noch schlimmer, intime Details seines Ehelebens mit Gattin Annegret. Stattdessen kam ein zaghaftes „Es tut mir leid, dass ich Sie so spät noch störe“, aus dem Hörer.

Es tut mir leid? Der Kommissar konnte sich nicht erinnern, diese Worte im Laufe ihrer langjährigen Zwangsbekanntschaft schon einmal vom Doktor vernommen zu haben. Und somit erhielt der doch noch Kluftingers ungeteilte Aufmerksamkeit. „Passt schon, noch bin ja nicht im Bett, worum geht`s denn?“

„Es ist etwas heikel, aber Sie müssen da wohl einfach auf meine kriminalistische Intuition vertrauen.“

Kluftinger erwiderte nichts.

„Von der Sie selbst ja auch schon profitiert haben, wenn ich Sie daran erinnern darf …“

Der Kommissar war beinahe erleichtert: Da war er wieder, der gute alte Doktor.

„Sie kennen ja meine Liebe zu klassischer Musik.“

Kluftinger seufzte. Bisher hatte er sich den Einladungen zu Hausmusikabenden bei Langhammers meist geschickt entziehen können. Er legte sich bereits ein paar noch unbenutzte Ausreden zurecht, da fuhr der Doktor fort: „Im Allgäu kommt man da an den von Rothensteins natürlich nicht vorbei. Sie kennen doch die von Rothensteins?“

Kluftinger dachte nach. Er meinte, den Namen schon einmal gehört zu haben, war sich aber nicht sicher.

„Sie veranstalten regelmäßig Kammermusikabende in ihrem Schloss. Wahre Kleinode des Kulturbetriebs, aber das führt jetzt vielleicht zu weit. Jedenfalls habe ich den Freiherrn von Rothenstein Grimmbart bei einer dieser Veranstaltungen kennengelernt, und er hat mich seither auch schon als Arzt konsultiert. Es entwickelte sich so etwas wie eine lockere Freundschaft - soweit das zwischen Bürgerlichen und Adeligen eben möglich ist.“

Kluftinger wunderte sich, dass ausgerechnet der Doktor in solchen überkommenen Strukturen dachte. Er wusste jedoch immer noch nicht, was das Ganze mit ihm zu tun haben sollte, und fragte deswegen ungeduldig: „Und?“

„Nun, der Baron hat mich gerade eben angerufen.“

„Welcher Baron jetzt?“

„Na, Baron Rothenstein.“

„Ist das der Bruder oder was?“

„Welcher Bruder?“

„Ja, von dem Freimaurer da.“

„Welcher Freimaurer denn?“

„Der halt, von dem Sie die ganze Zeit geredet haben.“

„Sie meinen den Freiherrn?“

„Ja, den.“

„Nein, der Baron hat keinen Bruder, so viel ich weiß.“

„Ich mein ja nicht den Baron, ich mein den anderen.“

„Welchen anderen?“ Langhammer klang verzweifelt.

„Den Frei...dings.“

Der Doktor seufzte. „Den Freiherrn? Das ist der Baron. Man spricht ihn so an.“

Kluftinger biss die Zähne zusammen und schwieg, ganz gegen seinen inneren Impuls, einfach aufzulegen.

„Jedenfalls“, fuhr Langhammer fort, „hat er mich vor ein paar Minuten angerufen. Er schien regelrecht aufgelöst, was für Menschen seines Standes …“

„Herr Langhammer, bitte!“ Die Weitschweifigkeit des Doktors gepaart mit dieser Unterwürfigkeit gegenüber Adeligen war schwer auszuhalten.

„Er schien sehr erregt. Auch ein wenig wirr. Er fabulierte etwas von einem Bild, also einem bestimmten Gemälde, und seiner Frau, die auf dem Bild zu sehen sei, dann wieder von einem Foto und dann wieder von dem Bild … Sie müssen wissen, dass es im Schloss eine umfangreiche Gemäldesammlung gibt, die zumindest historisch von einigem Wert ist. Kunsthistorisch müsste man vielleicht zu bedenken geben, dass …“

Jetzt riss Kluftinger der Geduldsfaden: „Himmel, was ist denn jetzt mit den Bildern? Fehlt eins? Und was für Fotos? Hat er sie etwa auf einem nackt gesehen und jetzt ist er recht verstört?“

„Mich? Wieso denn mich? Wie sollte ich denn …“

„Die Frau! Himmelherrgott, Langhammer, jetzt sagen Sie halt, was los ist.“

„Ach so, ja, natürlich. Also, ich mache mir ernsthafte Sorgen. So habe ich Herrn von Rothenstein Grimmbart noch nie erlebt. Er sagte nur ständig ,meine Frau, meine Frau’, hat sich aber auch auf Nachfrage nicht genauer geäußert. Stattdessen stammelte er etwas von einer Bedrohung … möglicherweise sei vor kurzem jemand eingedrungen ...“

„Dann fahren S' halt hin.“

„Würd ich ja, aber ich hab Nachtdienst. Ich kann unmöglich weg.“

„Dann rufen Sie die Polizei.“

„Tu ich doch.“

„Wie? Na, ich mein, ja, schon, aber … halt die Kollegen. Ich hab nämlich keinen Nachtdienst.“

„Verstehe, es tut mir auch wirklich leid, aber ich weiß nicht, ich hab ein ungutes Gefühl bei der Sache. Vielleicht täuscht es auch.“

„So wird’s wohl sein. In diesem Sinne …“

„Aber wenn nicht … also, kurz und gut: Könnten Sie eventuell mal vorbeischauen?“

Kluftinger presste die Luft zwischen den Zähnen hervor. „Also gut, ich fahr morgen mal hin, vielleicht ist er dann ja wieder nüchtern.“

„Nein, nein, jetzt!“

„Hm?“

„Ich meine: Könnten Sie bitte jetzt kurz hinfahren?“

„Kommen S', Herr Langhammer, nur weil sich Ihr Musikkamerad da ein bissle verwirrt angehört hat. Das weiß man doch von diesen Adeligen, dass die nicht ganz, wie soll ich sagen …“

„Ja?“

„Ich mein, mit der ganzen Inzucht und so …“

„Herr Kluftinger, jetzt beleidigen Sie doch nicht Ihre eigene Intelligenz. Baron Rothenstein ist ein honoriger, hochintegrer Mann, ein Feingeist wohlgemerkt, kein so ruppiger Geselle wie …“

„Wie?“

„Na, Sie wissen schon, wie die meisten anderen hier im Allgäu.“

„Soso.“

„Jetzt legen Sie doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Meine Spürnase sagt mir, dass das was für Sie sein könnte.“

„Ihre ... was?“

„Lassen Sie sich nicht betteln.“

„Herr Langhammer, ich glaube wirklich nicht, dass ich Ihnen da helfen kann. Da müssen Sie sich schon an jemand anderes wenden, denn meine Spürnase sagt mir, dass ich das Haus heute nicht mehr verlassen werde.“





Kruzifixnomal! Kluftinger ärgerte sich über sich selbst. Wieder einmal hatte er sich breitschlagen lassen. Wieder einmal war er nicht fähig gewesen, sich dem Doktor zu widersetzen, nachdem der ihm diverse Gefälligkeiten aufgezählt hatte, die er ihm angeblich noch schulde. Wieder einmal hatte er klein beigegeben. Kampflos, wie er sich zu alldem eingestehen musste.

Na ja, nicht ganz, aber Erika hatte den letzten Rest seines Widerstands mit ihrem „Mach das jetzt, sonst lad ich sie nächste Woche jeden Tag zu uns ein“-Blick erledigt.

Statt gemütlich vor dem Fernseher zu sitzen oder mit seinem Sohn und seiner zukünftigen Schwiegertochter ein Feierabend-Bier zu trinken, rumpelte er nun also in seinem Passat über schlechte Straßen durchs nächtliche Allgäu, um nach Langhammers Psychofreund zu sehen. Priml, dachte er resigniert und drehte am Knopf seines Autoradios. Aus den Lautsprechern drang nur unangenehmes Rauschen. Das war nicht ungewöhnlich: Seit ihm irgend so ein Hundskrüppel die Antenne abgerissen hatte, hatte er nur noch dürftigen Empfang. Vor allem bei einer Witterung wie heute: Ein heftiger Wind fegte die ersten braungefärbten Blätter auf die feuchte Straße, und man musste nicht in den Kalender schauen, um festzustellen, dass es Herbst geworden war. Es nieselte leicht aus dunklen, schweren Wolken.

Da braut sich was zusammen, hatte seine Frau noch gesagt. Anscheinend über mir, fügte er jetzt in Gedanken hinzu.

Er schaltete das Radio wieder aus und konzentrierte sich auf die Straße. Für den kurzen Weg nach Bad Grönenbach hatte er entschieden, hintenrum zu fahren, wie er es nannte. Allerdings bedeutete das: enge, neblige Schleichwege entlang der Iller. Und das bei diesem Wetter. Aber so war es wenigstens kürzer und damit billiger als über die Autobahn.

Seufzend trauerte er dem verlorenen Abend nach und versuchte, sich Langhammers kryptischen Anruf noch einmal in Erinnerung zu rufen. Die spärlichen Fakten zu ordnen. Um irgendetwas mit einem Bild war es da gegangen, einen Unfall, ein Gemälde und die Frau dieses Barons. Wenig erhellende Informationen, die keinen Sinn ergaben, wie immer er sie auch zusammensetzte. Und dann noch ein Adeliger! Der Kommissar fühlte sich unwohl. Üblicherweise hatte er es mit „normalen“ Menschen zu tun. Er wusste nicht einmal, wie man so einen Blaublüter anredete. Dass der ein Freund von Langhammer war, verhieß ebenfalls nichts Gutes.

„Zefix!“ Kluftinger stieg heftig auf die Bremse, was den betagten Wagen auf der laubbedeckten Straße ein wenig ins Schlingern brachte. Schlossberg stand auf dem Schild, das gerade in seinem Scheinwerferkegel aufgetaucht war. Beinahe hätte er die Abzweigung verpasst. Fluchend setzte er zurück und lenkte den Wagen das steile Sträßchen hinauf zum Anwesen der Rothensteins.

Er war noch nie hier gewesen, aber er kannte das Schloss vom Vorbeifahren. Man sah es sogar von der Autobahn aus, es thronte auf einem bewaldeten Hügel über dem Ort. Vielleicht nannte man es deswegen auch Hohes Schloss. Wobei Schloss ein etwas schönfärberischer Ausdruck war, wie er fand. Sicher, es war ein mächtiges, hoch aufragendes Bauwerk, das von einer langen und bewegten Geschichte zeugte. Aber ein Schloss? Neuschwanstein war ein Schloss. Hohenschwangau. Selbst das Stadtschloss in Füssen konnte man mit etwas gutem Willen noch dazu zählen. Aber das hier? Es war eher ein in die Höhe gezogenes Landhaus, das die besten Jahre hinter sich hatte. Weit hinter sich. Selbst von Ferne konnte man die Spuren des Verfalls erkennen, der Putz blätterte ab, die Fassade war vergraut und brüchig.

Jetzt erreichte Kluftinger das Plateau des Hügels und fuhr auf das Gebäude zu. In dieser ungemütlichen Nacht wirkte das spärlich beleuchtete Gemäuer wie eine mittelalterliche Burg, abweisend und ein wenig unheimlich. Er stellte seinen Passat auf einem der Parkplätze vor dem langgezogenen Nebengebäude ab und lief auf die Brücke zu, die über einen Burggraben zu einem massiven Portal führte. Davor stand ein windschiefes Schild, dessen antiquierte Buchstaben den Namen „Schloss Grimmbart“ bildeten. Seltsam, dachte der Kommissar, er hatte immer gedacht, es hieße offiziell Hohes Schloss.

Die eine Hälfte des Portals stand offen, und Kluftinger blieb unwillkürlich stehen, als er dahinter eine Gestalt erkannte, die einen vielarmigen Kerzenleuchter in der Hand hielt. Er kam sich vor wie in einem dieser Edgar-Wallace-Streifen aus den Sechzigern, ballte die Fäuste in seinen Taschen und lief auf die Gestalt zu. Noch ehe er die Tür erreicht hatte, rief eine Stimme gegen den Wind: „Herr Inspektor?“

„Kommissar.“

„Oh, ja, pardon, Kommissar natürlich. Doktor Langhammer hat Sie bereits telefonisch angekündigt. Ich bin etwas ... Ich darf mich kurz vorstellen: Wieland Freiherr von Rothenstein Grimmbart.

Kurz ist gut, dachte der Kommissar. Immerhin wusste er nun, woher der Name auf dem Schild kam.

Jetzt konnte er auch das Gesicht des Mannes im flackernden Kerzenschein sehen. Die grauen Haare standen ihm wirr vom Kopf ab, seine Oberlippe zierte ein schmales Bärtchen. Die Hand, die den Leuchter hielt, zitterte.

„Haben Sie Stromausfall?“, begrüßte der Kommissar den Mann.

„Wir? Wieso …“ Der Mann folgte Kluftingers Blick zu seinem Leuchter. Er schien verwirrt, als fiele es ihm schwer, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. „Ach so, verstehe. Nein, aber in dem Trakt, in den wir müssen, da macht die Elektrik immer wieder Sperenzchen.“

„Priml.“

„Wie meinen?“

Wie meinen! Der redete genau so geschwollen daher, wie Kluftinger befürchtete hatte. „Verstehe.“

„Ja, wissen Sie, alles sehr alte Leitungen, zudem sind nicht alle Räume elektrifiziert worden. Aber bitte, bitte jetzt schnell, kommen Sie, meine Frau! Jemand hat ... es droht Gefahr!“ Der Mann stemmte sich gegen das Portal, und es schloss sich knarzend hinter ihnen. Sofort umfing sie eine beklemmende Stille, nur ganz schwach drang das Pfeifen des Windes noch durch die dicken Mauern.

Die Tür hatte den Blick auf die Wand dahinter freigegeben, an der ein Wandteppich hing, den ein riesiges Wappen zierte. Im Zentrum des Wappens prangte ein Tier, das Kluftinger in dem schummrigen Licht jedoch nicht erkannte. Bevor er danach fragen oder sich erkundigen konnte, was denn überhaupt los sei, setzte sich der Mann hektisch in Bewegung, und der Kommissar folgte ihm. Sie stiegen eine breite Treppe hinauf, deren Geländer wüste, steinerne Figuren zierten, Fabelwesen mit weit aufgerissenen Mäulern und grauenhaften Fratzen, die im Schein der Kerzen lebendig zu werden schienen. Den Kommissar fröstelte es, und er schlug unwillkürlich den Kragen seines Lodenmantels hoch.

Er folgte dem Schlossherrn durch mehrere Türen und kleine Verbindungsgänge und hatte längst die Orientierung verloren, als der Mann abrupt stehen blieb. Kluftinger sah sich um. Vor ihnen gähnte nur ein schwarzes Loch, wohl ein langer Gang, von dem gerade mal ein paar Meter durch die Kerzen erhellt wurden.

„Moment, ich mache mal Licht“, sagte Rothenstein, und Kluftinger atmete auf. Doch als der Adelige den Schalter mit einem satten Schnalzen umgelegt hatte, merkte der Kommissar kaum eine Veränderung. Er kniff die Augen zusammen, um in diesem in funzeliges Glühlampen-Licht getauchten Korridor irgendetwas ausmachen zu können.

Sein Vordermann drehte sich um und blickte ihn erwartungsvoll an. „Was meinen Sie?“

Der Kommissar hatte keine Ahnung, worauf er anspielte. „Es tut mir leid, aber, also ich kann nix … wird das noch heller?“

„Hier, an der Wand.“ Er deutete nach links.

Kluftinger schritt an einer Reihe düsterer Porträts vorbei, vermutlich Ahnen des Schlossherrn, die einst in diesen Mauern gehaust hatten. Sie waren in massive Holzrahmen gefasst, deren goldene Farbe zum Teil abgeplatzt war und … Er hielt inne. Ein Bild fehlte. Stattdessen hatte jemand etwas an die Wand gepinnt. Einen Zettel oder … „Können Sie mal mit dem Kerzenleuchter kommen?“

Rothenstein stellte sich neben ihn, und jetzt konnte der Kommissar endlich ein bisschen mehr sehen. Es war kein Zettel, der da an der Wand hing, es war ein Foto. Ein Polaroid.

„Darf ich?“, fragte er und zeigte auf den Leuchter. Der Mann nickte, und der Kommissar nahm ihn in die rechte Hand. Er machte noch einen weiteren Schritt auf das Foto zu, dann stieß er die Luft aus. Denn in diesem Augenblick wurde ihm klar, dass es noch eine lange Nacht werden würde.

 

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